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Stell Dir vor, in einer Stadt bricht ein Goldrausch aus. Tausende Menschen suchen nach Gold. Doch nicht nur die Goldgräber verdienen viel Geld. Auch die Verkäufer von Schaufeln, Maschinen und Baumaterial erleben einen Boom. Ihre Auftragsbücher füllen sich, sie bauen neue Fabriken und stellen Personal ein.
Doch was passiert mit diesen Unternehmen, wenn irgendwann weniger nach Gold gegraben wird?
Genau diese Frage sollten sich Anleger beim aktuellen KI-Boom stellen: Wird daraus eine KI-Blase? Denn von künstlicher Intelligenz profitieren längst nicht mehr nur Nvidia, Microsoft oder andere Technologieunternehmen. Rund um KI ist eine gewaltige Infrastruktur-Industrie entstanden – darunter sind auch einige Schweizer Unternehmen.
Hyperscaler – ausgesprochen auf deutsch haiperskeiler – sind riesige Technologieunternehmen, die Rechenleistung und Cloud-Infrastruktur in aussergewöhnlich grossem Massstab betreiben und laufend erweitern.
Zu den wichtigsten gehören Amazon, Microsoft und Alphabet (Google). Im Zusammenhang mit dem KI-Infrastruktur-Boom werden häufig auch Meta und Oracle dazugerechnet.
Diese Unternehmen bauen Rechenzentren mit Tausenden oder Hunderttausenden Hochleistungschips und können ihre Infrastruktur weltweit skalieren. ☁️
Je leistungsfähiger KI-Modelle werden und je mehr Menschen sie verwenden, desto mehr Rechenleistung wird benötigt. Deshalb liefern sich die Technologiekonzerne derzeit ein regelrechtes Wettrüsten.
Gemäss Analystenschätzungen könnten die Kapitalausgaben von Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle 2026 zusammen rund 800 Mrd. US-Dollar erreichen. 2027 könnten es bereits fast 1’100 Mrd. Dollar sein. 🤯
Der Columbia-Professor Stijn Van Nieuwerburgh schätzt die Investitionen in Rechenzentren auf rund 2,8% des US-Bruttoinlandprodukts. Damit hätte der Ausbau Dimensionen erreicht, die selbst historische Infrastruktur-Booms wie den Eisenbahnbau oder den Aufbau des Internets übertreffen.
Doch hohe Investitionen sind nicht automatisch gute Investitionen. Entscheidend ist: Wie viel Gewinn lässt sich mit all dieser zusätzlichen Rechenleistung tatsächlich verdienen? 📈
Die USA verfügt heute über gut 1’300 Rechenzentren mit einer Gesamtleistung von rund 61 Gigawatt. Weitere knapp 2’100 Anlagen mit etwa 380 Gigawatt zusätzlicher Kapazität seien geplant.
Zum Vergleich: Ein typisches Kernkraftwerk hat ungefähr eine Leistung von einem Gigawatt.
Natürlich werden längst nicht alle angekündigten Rechenzentren gebaut. Trotzdem zeigen die Zahlen die Grössenordnung. KI braucht nicht nur Chips, sondern enorme Mengen an Strom, Netzkapazität, Kühlung und teilweise Wasser. ⚡💧
Hardwarehersteller sind teilweise über Jahre ausgelastet. Gleichzeitig fehlen Netzanschlüsse und Kraftwerkskapazitäten. Selbst Gasturbinen werden zum Engpass.
Das Wachstum von KI wird deshalb nicht nur durch die Technologie begrenzt, sondern zunehmend durch das, was physisch gebaut, finanziert und mit Energie versorgt werden kann.
Auch in der Bevölkerung wächst der Widerstand. Anwohner sorgen sich um steigende Strompreise, Lärm und Wasserverbrauch. Fast zwei Drittel der US-Bevölkerung spricht sich gegen neue Rechenzentren in ihrer Umgebung aus.
Damit wird der KI-Ausbau zunehmend zum politischen Thema. Besonders interessant ist Texas: Der Bundesstaat möchte vom KI-Boom profitieren, gleichzeitig wächst der Druck, neue Projekte stärker zu regulieren.
Für Investoren bedeutet das: Nicht jede angekündigte Milliarde wird investiert und nicht jedes geplante Rechenzentrum tatsächlich gebaut.
Lange konnten die grossen Technologiekonzerne ihre Investitionen weitgehend aus ihren Cashflows bezahlen. Doch mit immer grösseren Projekten steigt auch die Bedeutung von Fremdkapital.
Gemäss Berechnungen von J.P. Morgan Asset Management haben die grossen Hyperscaler inklusive Oracle seit Jahresbeginn rund 320 Mrd. Dollar an Schulden aufgenommen, inklusive ausserbilanzieller Finanzierungsvehikel. 💳
Damit verändert sich das Risikoprofil. Werden immer grössere Schuldenberge notwendig, steigen die Ansprüche an die zukünftigen Erträge.
Die neuen Rechenzentren müssen genügend Cashflow erwirtschaften, um Investitionen, Zinsen und Finanzierungskosten zu rechtfertigen.
Eine wichtige Unterscheidung: Eine revolutionäre Technologie und eine Investment-Blase können gleichzeitig existieren.
Das Internet hat unsere Welt fundamental verändert. Trotzdem wurden während der Dotcom-Blase enorme Summen in Unternehmen und Infrastruktur investiert, die sich wirtschaftlich teilweise nicht rentierten. 💻🫧
Beim heutigen KI-Boom lautet die Frage deshalb nicht, ob künstliche Intelligenz wichtig wird. Sondern: Sind die heutigen Erwartungen und Investitionen zu hoch, zu schnell und zu teuer?
Erste Warnsignale sind sichtbar. Die Kapitalausgaben explodieren, der Fremdkapitalbedarf nimmt zu und sogenannte Neoclouds drängen in den Markt. Diese jüngeren Anbieter haben sich auf KI-Rechenleistung und GPU-Infrastruktur spezialisiert.
Fünf kotierte Neocloud-Unternehmen tragen zusammen rund 61 Mrd. Dollar Schulden. Gleichzeitig erwirtschaftet keines davon einen operativen Gewinn.
Problematisch wird es, wenn die erwartete Nachfrage nicht schnell genug wächst oder die Preise für Rechenleistung stärker fallen als erwartet. 📉
Hinzu kommt: Der KI-Boom konkurriert zunehmend mit anderen Anlagen um Kapital. Wenn Technologieunternehmen Hunderte Milliarden Dollar über Anleihen und neue Aktien aufnehmen, könnte das langfristig auch Zinsen und Bewertungen ausserhalb des Technologiesektors beeinflussen.
Der KI-Boom ist längst an der Schweizer Börse angekommen.
ABB liefert zentrale Komponenten für die Elektrifizierung von Rechenzentren. R&S Group profitiert mit Transformatoren vom Ausbau der Strominfrastruktur. Bei Leistungstransformatoren reichen die Lieferpläne teilweise bis 2028. VAT liefert Vakuumventile für die Herstellung moderner Halbleiter. LEM produziert Strom- und Spannungssensoren, die unter anderem in Rechenzentren eingesetzt werden. ⚡
Volle Auftragsbücher bedeuten Planungssicherheit und ermöglichen den Ausbau von Kapazitäten.
Doch genau darin liegt auch ein Risiko.
An der Börse zählt nicht nur, ob ein Unternehmen gute Geschäfte macht. Entscheidend ist, welches zukünftige Wachstum bereits im Aktienkurs enthalten ist.
Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Zulieferer verdient heute 100 Mio. Franken. Anleger erwarten aufgrund des KI-Booms, dass der Gewinn auf 200 Mio. steigt – und bezahlen entsprechend einen hohen Preis für die Aktie.
Was passiert, wenn die Hyperscaler ihre Investitionen reduzieren?
Bestehende Aufträge verschwinden nicht sofort. ABB oder R&S könnten noch während Jahren gute Zahlen präsentieren. Das Problem zeigt sich möglicherweise zuerst beim Auftragseingang. 📉
Aus drei Jahren Lieferfrist werden vielleicht zwei, später wieder zwölf Monate. Gleichzeitig wurden Fabriken gebaut, Personal eingestellt und Produktionskapazitäten erweitert.
Der Gewinn kann also noch steigen, während die Börse bereits eine schwächere Zukunft einpreist.
Aktienkurse reagieren nicht erst, wenn die Gewinne fallen. Sie reagieren, wenn sich die Erwartungen verändern.
Je stärker die Bewertung auf dauerhaftes KI-Wachstum setzt, desto grösser ist dieses Risiko. 🫧
Es gibt Schweizer Unternehmen, deren Geschäft deutlich weniger davon abhängt, wie viele Milliarden die Hyperscaler in neue Rechenzentren investieren.
Roche verkauft Medikamente und Diagnostik unabhängig davon, wie viele KI-Rechenzentren gebaut werden. Natürlich bestehen andere Risiken wie auslaufende Patente, Forschungsrisiken oder Preisdruck. Ein Einbruch der KI-Investitionen dürfte das operative Geschäft jedoch vergleichsweise wenig treffen. 💊
Ähnliches gilt für Nestlé. Nespresso, Nescafé, Purina oder KitKat werden nicht deshalb mehr oder weniger konsumiert, weil Amazon ein neues Rechenzentrum baut. ☕️
Ein drittes Beispiel ist Geberit. Das Unternehmen ist europäischer Marktführer für Sanitärprodukte. Rund 60% des Umsatzes stammen aus dem Renovationsgeschäft. 🚿
Zwar bietet auch Geberit Rohrleitungssysteme für Rechenzentren an. Für das gesamte Geschäftsmodell ist dieser Bereich jedoch wesentlich weniger entscheidend als bei spezialisierten KI-Infrastrukturzulieferern.
Damit erhältst Du drei unterschiedliche Gegenpole: Roche für Gesundheit, Nestlé für Basiskonsum und Geberit für Sanitärtechnik und Renovation.
Es geht nicht darum, ABB, R&S, VAT oder LEM wegen eines möglichen Endes des KI-Booms zu meiden. Genauso wenig sind Roche, Nestlé oder Geberit automatisch die besseren Aktien.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Erwartungen bezahle ich mit dem heutigen Aktienkurs?
Ein hervorragendes Unternehmen kann eine schlechte Investition sein, wenn der Preis bereits eine perfekte Zukunft voraussetzt. Umgekehrt kann ein unspektakuläres Unternehmen interessant sein, wenn die Erwartungen tief sind und sein Geschäft stabile Cashflows erwirtschaftet.
Bei einem Megatrend wie KI lohnt es sich deshalb, nicht nur nach den Gewinnern zu suchen. Frage Dich auch: Wie viel vom erwarteten Gewinn steckt bereits im Aktienkurs – und was passiert, wenn die Investitionswelle früher abebbt als erwartet? 🔍
Denn beim Goldrausch verdienten die Verkäufer der Schaufeln ausgezeichnet.
Zumindest so lange, wie genügend Menschen weiter nach Gold gruben. ⛏️
Dein Depot sieht diversifiziert aus. Aber ist es das wirklich? 👀
Technologie. Industrie. Verschiedene Unternehmen. Verschiedene Titel.
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Eine revolutionäre Technologie und eine Investmentblase können gleichzeitig existieren, wie schon das Internet in der Dotcom-Zeit zeigte. Beim KI-Boom sind erste Warnsignale sichtbar: explodierende Kapitalausgaben, wachsender Fremdkapitalbedarf und Neocloud-Anbieter, die Milliarden Schulden tragen, aber keinen operativen Gewinn erwirtschaften.
ABB liefert Komponenten für die Elektrifizierung von Rechenzentren, R&S Group Transformatoren, VAT Vakuumventile für Halbleiter und LEM Strom- und Spannungssensoren. Ihre vollen Auftragsbücher sind ein Vorteil, machen sie aber auch abhängig davon, ob Hyperscaler ihre Investitionen wie geplant fortsetzen.
Roche, Nestlé und Geberit hängen operativ kaum vom KI-Infrastrukturboom ab. Roche verkauft Medikamente und Diagnostik unabhängig von Rechenzentren, Nestlé-Marken wie Nespresso oder KitKat ebenso, und bei Geberit stammen rund 60 Prozent des Umsatzes aus dem Renovationsgeschäft.

eidg. dipl. Finanz- & Anlageexpertin, CIWM
Autorin und Inhaberin der EC Finanzberatung in Interlaken. Unabhängig. Persönlich. Auf Augenhöhe.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Vergangene Entwicklungen an den Finanzmärkten sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Bevor du Investitionsentscheidungen triffst, solltest du dich bei Bedarf an eine qualifizierte Finanzfachperson wenden.
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