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Stell dir vor, du stehst vor einem wunderschönen Haus am Brienzersee: altes Chalet mit Einlegerwohnung, grosser Umschwung und Bootshaus. Genau so hast du dir dein Zuhause vorgestellt.
Es gibt nur ein kleines Problem. Das Haus kostet CHF 1’500’000.
Du hast CHF 500’000 angespart. Für die restliche Million gehst du zu deiner Bank und beantragst eine Hypothek im Berner Oberland. Anmerkung: bei Luxusobjekten über 1 Mio. verlangen die Banken oft deutlich mehr Eigenkapital als 20%.
Nach einigen Gesprächen prüft die Bank dein Einkommen, dein Vermögen und die Immobilie. Schliesslich kommt die Nachricht: 🎉 Hypothek bewilligt: CHF 1 Mio.
Doch woher nimmt die Bank diese Million eigentlich? Hat ein anderer Kunde genau diesen Betrag angespart? Holt sie Geld aus dem Tresor? Oder leiht sie es zuerst bei der Schweizerischen Nationalbank?
Die überraschende Antwort: Nichts davon muss der unmittelbare Ausgangspunkt sein. Die Bank kann mit der Kreditvergabe neues Buchgeld schaffen.
Bei der EC Finanzberatung in Matten bei Interlaken erleben wir in der täglichen Praxis oft, dass dieses moderne Bankensystem viele Hauskäufer überrascht. Viele von uns haben ungefähr dieses Bild im Kopf:
Sparer → Bank → Kreditnehmer
Anna zahlt CHF 100’000 auf ihr Sparkonto ein und die Bank verleiht dieses Geld an Thomas weiter.
Doch das moderne Bankensystem funktioniert nicht so. Die Schweizerische Nationalbank beschreibt ausdrücklich, dass Geschäftsbanken durch die Vergabe von Krediten Buchgeld schaffen können.
Bei deiner Hypothek passieren vereinfacht zwei Dinge gleichzeitig:
| Bankbilanz | Aktiv | Passiv |
| Hypothek an dich | + CHF 1’000’000 | |
| Neues Kontoguthaben | + CHF 1’000’000 |
Die Bank besitzt nun eine Forderung gegen dich über CHF 1 Mio. und schreibt dir gleichzeitig CHF 1 Mio. auf deinem Konto gut.
Voilà: CHF 1 Mio. neues Buchgeld ist entstanden.
Die Bank musste diese Million nicht zuerst bei einem Sparer einsammeln.
Banken sind also nicht nur Vermittler von bereits vorhandenem Geld. Sie können durch Kreditvergabe neues Buchgeld schaffen. So erklärt sich die Geldschöpfung.
Nein. Denn Banken unterliegen mehreren Grenzen:
Nehmen wir eine kleine Bank mit CHF 10 Mio. Eigenkapital. Dies entspricht dem Mindestkapital für eine Bankbewilligung in der Schweiz.
Das bedeutet nicht, dass sie nur CHF 10 Mio. Kredite vergeben kann. Eigenkapital ist vereinfacht gesagt der Verlustpuffer der Bank.
Verliert die Bank beispielsweise CHF 4 Mio. durch ausgefallene Kredite, sinkt ihr Eigenkapital von CHF 10 Mio. auf CHF 6 Mio. Werden die Verluste zu gross, kann dieser Puffer irgendwann aufgebraucht sein.
Genau deshalb verlangen die Regulierungsbehörden von Banken eine bestimmte Kapitalausstattung.
Im internationalen Basel-III-Regelwerk existiert beispielsweise eine Mindest-Leverage-Ratio von 3 Prozent. Rein illustrativ könnten mit CHF 10 Mio. Eigenkapital (Tier-1-Kapital) CHF 333 Mio. an Krediten vergeben werden.
Aber Achtung ⚠️ In der Realität ist es komplizierter. Neben der Leverage Ratio existieren risikobasierte Eigenmittelanforderungen, Kapitalpuffer, Liquiditätsvorschriften und weitere regulatorische Vorgaben.
Eigenkapital ist also nicht der Geldtopf, aus dem Kredite bezahlt werden. Es ist der Puffer, der Risiken auffängt.
Du überweist die CHF 1.5 Mio. an die Verkäuferin. Ist sie bei derselben Bank wie du, wird das Geld lediglich von deinem Konto auf ihres umgebucht. Ist sie hingegen bei einer anderen Bank, wird es spannender: die Zahlung muss zwischen zwei Banken abgewickelt werden.
Und hier kommt die SNB ins Spiel.
Geschäftsbanken besitzen Giroguthaben bei der Schweizerischen Nationalbank. Diese unterscheiden sich von unserem normalen Kontoguthaben.
Dein Guthaben = Geschäftsbanken-Buchgeld.
Giro-Guthaben der Banken bei der SNB = Zentralbankgeld.
Unser Hauskauf sieht vereinfacht so aus:
Bank A vergibt dir eine Hypothek
⬇️ CHF 1 Mio. neues Buchgeld entstehen
⬇️ Du kaufst das Haus
⬇️ Verkäuferin hat ihr Konto bei Bank B
⬇️ Die Zahlung muss zwischen Bank A und Bank B abgewickelt werden
⬇️ Dafür braucht Bank A entsprechende Liquidität.
Und plötzlich sehen wir eine weitere Grenze der Geldschöpfung. Denn das geschaffene Buchgeld kann abfliessen.
Stell dir jemanden vor, der ein Haus im Wert von CHF 2 Mio. besitzt, heute aber CHF 100’000 bezahlen muss und nur CHF 10’000 auf dem Konto hat.
Diese Person ist vermögend – hat aber ein Liquiditätsproblem.
Bei Banken kann genau das in gigantischem Ausmass passieren. Und damit kommen wir zur Credit Suisse.
Nach Jahren mit Skandalen, Verlusten, strategischen Problemen und Managementfehlern verlor die Bank zunehmend das Vertrauen ihrer Kunden und der Märkte. Kunden begannen, in grossem Stil Gelder abzuziehen.
Die FINMA kam in ihrer späteren Aufarbeitung zum Schluss, dass die enormen Abflüsse von Kundengeldern Mitte März 2023 zur Gefahr einer unmittelbaren Zahlungsunfähigkeit führten.
Bemerkenswert dabei: Die regulatorischen Kapitalquoten der Credit Suisse lagen weiterhin über den vorgeschriebenen Anforderungen.
Das Problem war also nicht fehlendes Eigenkapital. Es war der massive Abfluss von Liquidität infolge eines Vertrauensverlustes.
Am 19. März 2023 wurde schliesslich die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS bekannt gegeben. Bund, FINMA und SNB unterstützten die Lösung, wobei die SNB umfangreiche Liquiditätshilfen bereitstellen.
Die Krise zeigte eindrücklich: Kapitalquoten alleine reichen nicht. Banken leben von etwas, das in keiner Bilanzposition vollständig sichtbar wird:
Vertrauen.
Wenn du nur fünf Dinge behältst, dann diese:
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Ich wünsche dir einen wunderbaren Tag!
Herzlichst
deine Evelyne😊

Erinnern wir uns an unser Haus vom Anfang. CHF 500’000 Eigenmittel, CHF 1 Mio. Hypothek. Mit dem Kredit wurde neues Buchgeld geschaffen. Nun erhalten nicht nur du, sondern Tausende Haushalte Hypotheken. Mehr Kredit bedeutet mehr Kaufkraft, die auf den Immobilienmarkt treffen kann.
Ein sich selbst verstärkender Kreislauf kann entstehen:
🔄 mehr Kredit ➡️ mehr Geldschöpfung ➡️ mehr Nachfrage nach Immobilien ➡️ höhere Preise ➡️ höhere Sicherheiten ➡️ potenziell mehr Kredit
Steigen Immobilienpreise, werden auch die Sicherheiten wertvoller. Das kann Banken und Kreditnehmer wiederum komfortabler bei der Kreditvergabe machen. Anmerkung: dieser Mechanismus war der Nährboden der US Subprime-Krise, die die Finanzkrise 2008 auslöste.
Steigen die Zinsen deutlich, werden Hypotheken teurer. Weniger Menschen können oder wollen kaufen.
Dann kann die Spirale in die andere Richtung laufen:
Höhere Zinsen
⬇️
weniger Nachfrage
⬇️
sinkende Immobilienpreise
⬇️
schwächere Sicherheiten
⬇️
Banken werden vorsichtiger in der Kreditvergabe
⬇️
weniger neue Kaufkraft
Ein Kreditboom kann einen wirtschaftlichen Aufschwung verstärken. Eine Kreditklemme aber auch einen Abschwung.
Wenn du künftig liest: «Kreditwachstum beschleunigt sich»
oder: «Banken verschärfen ihre Kreditbedingungen»
dann sind das nicht nur langweilige Bankstatistiken. Sie können Hinweise darauf liefern, wie viel neue Kaufkraft entsteht und wohin sie fliesst.
Besonders interessant wird es, wenn gleichzeitig Vermögenspreise stark steigen. Denn nicht jeder Boom entsteht durch steigende Produktivität. Manchmal steckt dahinter auch ein kräftiger Kreditzyklus.
Wer versteht, wie Banken Geld schaffen, versteht deshalb ein kleines Stück besser, warum sich Immobilien-, Wirtschafts- und Finanzmarkt-Zyklen gegenseitig verstärken

eidg. dipl. Finanz- & Anlageexpertin, CIWM
Autorin und Inhaberin der EC Finanzberatung in Interlaken. Unabhängig. Persönlich. Auf Augenhöhe.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Vergangene Entwicklungen an den Finanzmärkten sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Bevor du Investitionsentscheidungen triffst, solltest du dich bei Bedarf an eine qualifizierte Finanzfachperson wenden.
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